Buchbesprechung – Metropol von Eugen Ruge

Annegret Schulze war für über 20 Jahre Geschäftsführerin des Literaturkreises Wolfsburg. Für uns schrieb sie eine Buchbesprechung zu „Metropol“ von Eugen Ruge:

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Russland/Ural) geboren. Er studierte an der Humboldt- Universität in Berlin. Er ist Schriftsteller, Regisseur und Übersetzer aus dem Russischen. 2011 gewann er den deutschen Buchpreis mit seinem Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ und hatte damit auch bei den Leser*innen großen Erfolg. Es folgten weitere Romane und Notizen.

2019 erschien sein neustes Buch „Metropol“, das direkt an seinen ersten Erfolg anknüpft. Damit hat er ein atemberaubendes Stück Zeitgeschichte geschrieben. Es spielt im Moskau der 30er Jahre und handelt von seinen Großeltern, die in dieser Zeit einige Jahre in der Sowjetunion verbrachten, zuletzt im legendären Hotel METROPOL.

Annegret Schulze

Die Mutter seines Vaters, Charlotte, hatte bereits vor dem Exil in Mexiko mehrere Jahre in Moskau gelebt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm arbeitete sie dort für die OMS, den sowjetischen Nachrichtendienst, der unter der Bezeichnung „Punkt 2“ irgendwo auf dem Land liegt. Doch eines Tages wird das Ehepaar von dort abberufen und im Moskauer Hotel Metropol untergebracht. Schon während eines Urlaubs am Schwarzen Meer hatte sie in der Zeitung gelesen, dass ihr Freund Alexander Emel verhaftet wurde. Es ist die Zeit der stalinistischen Säuberungen, die aus reiner Willkür jede*n einzelne*n treffen können. Von da an leben Charlotte und  ihr Mann Wilhelm in Angst.

Das Hotel füllt sich nach und nach mit Bekannten, die in Misskredit gefallen sind. Aber sie erleben auch, wie immer wieder einige beim morgendlichen Frühstück fehlen. Keiner fragt etwas. Man ergeht sich in Vermutungen und die Angst nimmt zu, besonders in den Nächten, wenn sie Schritte und Türenschlagen auf dem Flur hören.

Warum seine Großeltern überleben, obwohl die meisten Bewohner des Hotels in Lager verbannt oder gleich getötet wurden, kann Eugen Ruge nur mutmaßen. Die Großmutter hat nie darüber gesprochen. Aus dem mexikanischen Exil, in das sie ausreisen durften, kehrt das Ehepaar als überzeugte Kommunisten zurück in die DDR.

Eugen Ruge protokolliert die Geschichte seiner Großeltern so nüchtern wie überzeugend. Die Schicksale aller Bewohner des Hotels sind ambivalent und in diesem düsteren Kapitel sowjetischer Geschichte abhängig von Zufällen und Stimmungen und Launen. Er lässt die Ereignisse für sich sprechen, gibt ihnen Raum und überlässt die Bewertung seinen Leser*innen. Dieser neue Roman wird den Erfolg des ersten Buches noch übertreffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.