Hurra wir bauen!

Bemüht man die fünfte, vollständig neu bearbeitete Auflage Helmut Hillers Wörterbuch des Buches zum Begriff Schulbibliothek, so findet man folgenden Eintrag: Schüler und Lehrerbüchereien [werden] zusammengelegt, der Bestand wird ausgebaut […] und durch Kataloge erschlossen. Ziel ist, die [Schulbibliothek] möglichst stark als Arbeitsmittelfundus in den Unterricht zu integrieren, sie aber auch für die Entfaltung individueller Interessen anzubieten.

Bibliothekare werden zu Verwaltern degradiert, die darüber hinaus für die Erwerbung und Katalogisierung zuständig sind.

Das US-amerikanische Internetunternehmen Yahoo! schlägt in die gleiche Kerbe. In dessen Education-Beitrag zum Berufsbild Librarian heißt es zwar, dass Bibliothekare in den Erinnerungen Vieler eine wichtige Rolle spielen. Doch die Analysten gelangen zu dem Schluss, dass Erinnerung das Einzige sein könnte, was von ihnen hängen bleibt (Quelle).

In einem Interview mit der NZZ am Sonntag setzt Rafael Ball, Leiter der ETH Zürich, dem Ganzen dann die Krone auf, indem er verlauten lässt, das Buch werde künftig kein entscheidendes Medium mehr sein.

Nun sind bibliophile Ängste vor dem Abgesang des Buches ja bei weitem nichts Neues. Neu jedoch ist, dass der Leiter einer der führenden Bibliotheken Europas derart Stellung bezieht und ein Totenlied auf die in Deutschland mit über 115 Mio. Besuchern meistgenutzte Kultur- und Bildungseinrichtung anstimmt. Ball steht mit seiner Vermutung, dass das Internet Bibliotheken weitestgehend verdrängen könnte, nicht alleine da, fragen doch Politik und Gesellschaft immer häufiger nach Zweck und Wert ihres Daseins. Und so spielt er all jenen in die Karten, die in jede neue Wikipedia-Seite und in jeden neuen Google-Books-Scan (Quelle) einen Bedeutungsverlust Bibliothek interpretieren.

[Doch] es ist nicht gerade eine wissenschaftlich fundierte Begründung, zu behaupten, wir brauchen keine Informationsmanager und Informationswissenschaftler, weil die Information in Zukunft nur noch automatisch von Maschinen verarbeitet wird, so der emeritierte Universitätsprofessor Dr. Walther Umstätter in seinem Kommentar zum bereits angesprochenen Yahoo!-Education-Beitrag (Quelle).

Ganz im Gegenteil.

Einer Studie Nancy Everharts – Professorin für Schulbibliothekswesen am College of Communication & Information der Florida State University – zufolge sind 78 Prozent der 183 Teilnehmer der Meinung, Schulbibliotheken hätten das Potential, die deutschen PISA-Ergebnisse zu verbessern. Beinahe 30 Prozent sehen die Ausbildung als dermaßen wichtig an, dass sie sich einen eigenen Studiengang vorstellen können (Quelle).

Die Bildungsstadt Wolfsburg ist sich der Wichtigkeit dieses Themas absolut bewusst. Was im Januar 2013 mit der festlichen Eröffnung des Lernzentrums im Schulzentrum Vorsfelde begann, wird nunmehr am Standort Fallersleben konsequent fortgesetzt. Denn dort eröffnete ein weiteres Lernzentrum, so die moderne Bezeichnung für Schulbibliothek, seine Pforten.

Zwar gibt es nach unzähligen wenn-dann-Problemkonstellationen ein gewisses Verständnis für Bauverzögerungen, doch kann sich das Ergebnis mehr als sehen lassen. Die Räumlichkeiten animieren. Mit seiner durchgehenden Rundumverglasung und dem hellen, lichtdurchfluteten Hauptraum, aber auch entsprechenden Rückzugsmöglichkeiten (wie beispielsweise einem Stillarbeits- und einen Hausaufgabenraum), ist das Lernzentrum darauf ausgelegt, die Konzentration hoch und Ermüdungserscheinungen gering zu halten. Sollte sich dennoch einmal eine gewisse Mattheit einstellen: Kein Problem. Die Mensa, ebenfalls funkelnagelneu und hochmodern, ist gleich nebenan. Denn regelmäßige Mahlzeiten und Getränke sind weitere Zutaten, die anspruchsvolles Lernen begünstigen.

Laut IT-Dienstleister Computacenter und dem Analystenhaus PAC hält die IT-Ausstattung an Arbeitsplätzen oftmals nicht Schritt mit der technischen Entwicklung (Quelle). Die Fallerslebener Voraussetzungen sind glücklicherweise gänzlich andere: Die Autoren des eingangs erwähnten Wörterbuches würden sich wahrscheinlich nicht in einer Bibliothek wähnen und wohl kaum zurechtfinden. Modern und auf die Bedürfnisse junger Menschen zugeschnitten, ist das Lernzentrum auf lange Zeit in die Zukunft gedacht.

Sieb

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